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Ein Dicker weißer Daumen am Himmel

European Beach Bum

by Lie, 21. Juni 2015

Lie ist wieder auf großer – naja, mittelgroßer Fahrt mit der riptide. Erste Station: Lies Elternhaus inmitten eines leicht durch Wolkenbrüche zerfledderten Frühsommerabends, fast leer und doch konnte Lie, bei genauem Hinhören noch Gesprächsfetzen aus drei Jahrzehnten hören und mit dem toten Vater über ein Gurkenglas (was anderes gabs im Haus nicht mehr) Lemberger leise (Selbst-)Gespräche über vergangenes Ungemach und Freuden führen. Wie eigenartig die Welt doch eingerichtet ist: Dass man nur im Selbstgespräch über wirklich Wichtiges reden kann. Ist es wohl Feigheit, oder was hindert einen sonst daran? Andererseits haben Monologe natürlich den Vorteil, dass man zu Wort kommt und verstanden wird. In seinen Zwanzigern hat Lie den Standpunkt vertreten, dass man sich wegen Selbstgesprächen keine Sorgen machen muss – erst, wenn man sich selbst Antworten gäbe, sei Anlass zur Beunruhigung gegeben. Lie ist also offiziell beunruhigt.

Oder eigentlich doch nicht.

Am nächsten Tag scheitert Lie daran die Birne des Scheinwerfers am Auto auszutauschen. Egal, wird halt nur am Tag gefahren. Draußen zieht Panoramatapete vorbei – Lie hat das Navi so programmert, dass es die umweltfreundlichsten und zugleich mautfreien Straßen auswählt. Er fähr also nie schneller als ca. 80 km/h. Die Franzosen werden nicht sauer, wenn einer zu langsam fährt. Die überholen einfach. Wird Lie in Zukunft auch so machen. Franche Compte fand Lie diesmal eigentlich am tollsten, bisher. Nicht nur weil es so wahnsinnig grün und undurchdringlich ausgeschaut hat, sondern weil es so eine interessante Geschichte hat. Aber das interessiert ja wahrscheinlich keinen, oder? Lie schon, aber er ist offline (deshalb ist auch der Artikel deutlich später auf der riptide, als geplant). Die Frenchies haben offenbar in Sachen Telekommunikation einiges nachzuholen. Tendenziell ja gar nicht schlimm, fehlen hier die überall sonst allgegenwärtigen Handyshops und irrerweise kostet eine SIM mit 500 MB einen unfassbaren Haufen Geld. Außerdem – und das nervt dann wirklich – kann man mit den Dingern nicht tethern (also das Handy als Modem verwenden). Also Hat Lie eine (zugegebenermaßen gar nicht mal unwillkommene) Internet- und Computerpause, AFK seit gefühlten Monaten das erste Mal. Der Plan erstmal in Frankreich rumzustromern ging nicht auf. Lie hat per Zufall (geht auch am Navi) ein Ziel ausgesucht (Palmyre an der vielverprechend benamsten cote sauvage) und fand sich dann in einem spätsozialistischen Reisealptraum wieder. Lang wollte Lie eh nicht bleiben, nachdem klar war, dass die Cote sauvage quasi nur von jungen Familien frequentiert wird, aber als er dann doch irgendwo pennen wollte, wurde ihm eröffnet er müsse dazu in Paris anrufen und fragen, ob noch Zimmer frei seien. WTF? Oh Frankreich. Zudem war die ganze Szene kaum absurder zu komponieren – eine Station d’ete – nur von Anfang Juni bis Mitte September belebt, sonst leer und verlassen, wie ihm ein hilfreicher Angestellter der örtlichen Tourismusbehörde auf die unnachahmlich französisch-höfliche Tour erklärt hat, mitten zwischen Wald und Meer ein riesiger, leicht angeschimmelter „Luna Park“ – eine Art Würstelprater im Nirgendwo. Wenn Lie die Gelegenheit haben sollte, kommt er mal im März und schaut sich den verlassenen Rummel an.

Lie hat sich also entschlossen vorerst am Strand zu schlafen, wie ein Penner. Das ist gemütlich, verboten und man muss dafür nicht in Paris anrufen.

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