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Rote Zora von Mucha

Kommunikation in Prag

by Lie, 6. Juli 2013

Was war das für ein schönes und kluges Mädchen, mit grüne Augen, so tief wie das südliche Meer, tomatenroten Haaren, ein paar schüchternen Sommersprossen und einem mutwilligen Lächeln. Lie kommt richtig ins Schwärmen wenn er an sie denkt. Lies Eltern konnten sie; und sie konnte Lies Eltern nicht leiden und das war sozusagen die Kirsche auf der Torte, die Lie das Leben in Form dieser wunderbaren Amazone verehrt hatte.

Mit dieser Torte – respektive dem wunderbar saufrechen Mädchen war Lie das erste Mal in Prag. Am Abend davor musste noch getanzt werden, bis in die Puppen. Das war damals einfach so und nicht weiter erwähnenswert. Deshalb schlaftrunken zuspät und tapsig angetan mit den sehr gefährlich aussehenden Klamotten (alle schwarz, möglichst ledern, eventuell mit Nieten) zusammen auf dem alten ‚Kettler Alu Rad‘ ohne Bremse dem Berg zum Bahnhof hinab. Flatternde Haare, Sie kitzelt Lie, und die Beiden knallen beinah hin. Aber nur fast. Die Bahn fährt allerdings nur bis Passau, weil die Freitickets (die die die rote Zora auf verschlungenen Wegen ergattert hat) nur in Deutschland gelten. Also in Passau per Autostop weiter. Laberlaber mit den alten Säcken (also etwa in Lies Alter, jetzt) und dann Arm in Arm Sie mit roten, Lie mit blauen Docs angetan, bewundert von der Prager Jugend, die der widrigen ökonomischen Umstände wegen (es war das Jahr 1992, oder 1993) sich diese eigentlich unabdingbaren Coolnessaccessoires nicht leisten konnte. Das Appartement auf der Kleinseite, für nicht ganz zehn Mark die Nacht. Das erste Mal zusammen in quasi eigenen Wänden! Kaffee machen, liegenbleiben, sich in die Augen schauen…

So sinniert Lie, als er an der gleichen Stelle sitzt an der Zora und er vor langer Zeit Zigaretten mit den Prager Jugendlichen geteilt und böhmisches Bier gesüffelt haben. Des schönen Wetters, der übergroßen Müdigkeit wegen schläft Lie ein und träumt weiter, wie Zora und er sich haben Tätowieren und Piercen lassen, damals in Prag. Wie er mit seinem Zungenpiercing eine Arme HNO Ärztin halb zu Tode erschrocken hat – ein wenig später, weil der als Ohrenstöpsel verwendete Kaugummi sich partout nicht wieder aus dem Hörgang pulen lassen wollte. Wie toll gefährlich und wild man sich vorkam in jenem Sommer und wie nah beieinander.

Als Lie die rote Zora das letzte Mal gesehen hat, war’s ein Zufall. Auf einem Bahnhof in Süddeutschland. Zora hatte die Irr- und Wirrnisse des Lebens übelgenommen und bis zu diesem Treffen (und auch anschließend wieder) nicht bereit zu kommunizieren, aber diese drei Minuten konnte man sich ein letztes Mal umarmen. Romantisch. Ja sehr.

Dann wacht Lie auf und ist wieder ein alter Sack, ein nostalgischer alter Sack. Nicht schlimm. Nostalgie ist die hübsche Schwester der Melancholie und anschmiegsam wie ein alter Hausschuh. Derzeit ist es allerdings im Jetzt auch nicht schlecht: Um die Ecke gibt’s einen abgefahrenen Buchladen –  ein Mischantiquariat – überwiegend englisches und tschechisches Zeug, über drei Etagen, mit wilden Themenregalen wie z.’Italian Love Stories‘, ‚Porn & Esotericism‘ oder dem wirklich witzigen: ‚Jungle Literature‘ Regal. Der Besitzer schein die Bücher alle gelesen zu haben. Ein Traumjob. Oh, die Tschechen. Lie kam das schon damals so vor, dass sie sich in aller Stille ihre Nische suchen, ihre kunstsinnigen Bücher schreiben und lesen und ansonsten versuchen, sich das Leben nett zu machen. Hochsympatisch.

Später dann, so in der Gegend in der Lie sich hat tätowieren lassen lernt er einen Typen namens Kamel kennen. Chef de Cuisine im ‚Pizza nuova‘ an der Revoluçní. Beide wiederum lernen Chang aus Vietnam kennen. Kamel kann Tschechisch und Italienisch, Lie eine handvoll andere Sprachen – beide vermuten, dass Chang Vietnamesisch spricht aber so genau weiß man das nicht. In der Dreieckskombination ist diese vage Ungefährkomminikation auch für Lie neu, aber die bewährten pantomimischen Methoden funktionieren so fast noch besser (wenn auch die Sinnentfaltung nicht auf allen Seiten gleich, oder auch nur ähnlich gewesen sein dürfte). Vergnüglich. Ein lustiger, irgendwie zwar jugendlicher aber dennoch gänzlich ungefährlicher und nietenlederfreier Sommertag in Prag ohne jedes Kommunikationsproblem.

Und als Kirsche auf dieser Torte eine fast noch vergnüglichere Bahnfahrt mit fünf netten Leuten Richtung Berlin. Der eine, Ami, ehemals bei der Weltbank. ein Wissenschaftler, der nach Braunschweig fährt um Sodium und Wasser zur Explosion zu bringen (und mit einem Hochgeschwindigkeitsphoto aufzunehmen) Eine tschechische und drie brasilianische Studenten (die von den jeweiligen politischen Zuständen erzählen) und eben Lie – diesmal können alle Englisch.

Ein Kommentar


    • Kurt Kläber
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    • Juli 6, 2013

    Nostalgie ist also die hübsche Schwester der Melancholie? Dann ist Poesie, so scheint's, die zauberhafte Schwester von Lie.

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