Diesseits von Afrika

Diesseits von Afrika

Wie das letzte Stückchen Kolonialspanies kommt sie einem vor, die Insel diesseits von Afrika: Die Dörfchen haben etwas von der phantasmagorischen Schnuckeligkeit und der gemütlichen Trägheit früher Winnetou-Filme, während die Städte renaissanceprächtíge Repräsentationsbauten beheimaten, die so auch in Bogotá oder Lima oder Manila stehen könnten. Dazu die Namen für diese Insel: Frühlingsinsel (des Wetters wegen) – Garten im Atlantik (der Fruchtbarkeit wegen) und natürlich la isla bonita. Und alle Namen stimmen und gleichzeitig wiederum nicht. Wer sich bersonders mildes Klima erwartet, wäre überrascht, wenn er die Wanderung durch den Regenwald und die Tunnelaquädukte bei Los Tilos machte, von Fruchtbarkeit ist bei den Vulkanen im Süden der Insel nicht die Spur zu sehen und besonders schön kann man die „montes de la luna“, die Mondberge auch nicht nennen. Aber die Insel ist ein Miniaturkolinalspanien: der nordamerikanisch/mexikanischen Flair der der Kiefernwälder in der Caldera – einem riesigen Talkessel, dem man unwillkürlich den Vulkankrater erkennt  (in Wirklichkeit aber offenbar das bizarre Ergebnis tekonischer Verschiebungen ist) – das südamerikanisch/asiatische im Lorbeerregenwald des Nordostens (in dem Liezel gute fünf Stunden bei Strömendem Regen wandern und dennoch – überwiegend – gute Laune haben) und schließlich der blutigen Geschichte der Conquista und der geheimnisvollen Guanchen.

Die beiden wohnen in einem (nach den Waldbränden von 2009) ganz neu und detailverliebt renovierten Bauernhäuschen, das Ihnen schon auf den ersten Blick den Atem raubt: Liezel haben vermutlich noch nie an so einem schönen Ort gelebt: Der freie 180 Grad Ausblick auf den Atlantik, der Garten um die Terrasse (mit allen möglichen Sachen unter anderem Mangobäumen…) und die vielen zahmen (und hungrigen) Viecherln lassen Ihr Herz höher schlagen.

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Hier drüber übrigens Hazel (mit den üblichen Faxen) vor einem weiteren tollen Feature von La Palma: den Sternwarten…

Um die geneigte Leserschaft nicht noch weiter in die Dezemberhochnebeldepression zu stürzen und nicht allzusehr in die mein-Haus-mein-Auto-mein-Pony-mäßige Textbausteine abzurutschen, wird Lie die Schwärmerei jetzt mal einstellen und einen Besuch La Palmas empfehlen – derzeit kostet der Flug schlappe 150 Euronen. Buch es jetzt!

Donaudelta – Strand am Sumpf

Donaudelta – Strand am Sumpf

Sfantu Gheorghe ist ein kleines Fischerdorf an der Mündung eines Donauarms in das Schwarze Meer. Ein paar Häuschen im Sumpf, zum Teil noch mit Schilfdächern. Sehr idyllisch. Die Beiden kommen bei einem Fischer unter, der sich nacher als Pensionist aus Bukarest entpuppt. Mit dem man sich “über die Bande” per Handy durch den polyglotteren Sohn in Bukarest verständigen kann. Moderne Zeiten. Ein sehr netter Mann. Die Unterkunft ist sehr einfach -  Plumpsklo und so – aber unheimlich sauber und vor allem rundum mit Mückengitter ausgestattet. Wieder fühlen sich die Beiden nach Indonesien versetzt und wieder zieht es sie in die Ferne, aber ach – es geht nicht, derzeit. Die Gegend haut einen um: südlich ist die Biosphäre Donaudelta – östlich der Strand. Die Beiden genießen beides, retten Frösche und komponieren Lieder darüber:

Käptn Froscho, Hazel und Du singen: Schubidu
Käptn Froscho Lie und Du singen Schwipp Schwapp di schnu
Käptn Froscho erzählt den andern
Du sollst nicht wandern
In die Dünen allzuweit
Für Amphibien ist des net gscheit
und des nächtste Mal bringt keine Welle
Liezel-Rettung schnell zur Stelle
Käptn Froscho, Hazel und Du singen: Schubidu
Käptn Froscho Lie und Du singen Schwipp Schwapp di schnu
 

die verehrte Leserschaft bemerkt schon: Es taugt den Beiden. Zu allem Überfluss gibts auch noch ein Electronica-Festival in Sfantu Gheorghe. Viel zu wenig Zeit – aber schön! Am Samstag reisen die Beiden nach Tulcea zurück, nächtigen im ersten Haus am Platze (mit genialem Panaoramablick: Hotel Esplanade) und fahren dann in aller Früh mit dem Zug nach Bukarest.

Hazel Aquatica

Hazel Aquatica

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Wilde Reise durch die Nacht

Wilde Reise durch die Nacht


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Eigentlich wollten die Liezel mit dem Schiff nach Constanta reisen, aber ein Frachter wär erst am 23. ausgelaufen und das war dann selbst für die Beiden ein bissi knapp – die andere Option – nach Istanbul zu dampfen reizte die Beiden, aber auch das war nix. Kreuzfahrtoptionen gabs auch keine und nachdem die Idee einer Spontantweltreise Richtung Sochi (and beyond) verworfen wurde, die Eisenbahn durch Transnistrien fährt (Gruselgrusel) blieb nur noch der Bus. und die Beiden fühlen sich in alte Zeiten versetzt. Alles in allem dauert die Fahrt von Odessa nach Galati (spricht sich Gwie Glatze – mit a nach dem G) zehn Stunden mit jeweils einer Stunde Warterei bei Ein- und Ausreise an jeder Grenze (Ukraine – Moldawien, Moldawien – Rumänien). Macht nix, Liezel kommen mit den Leuten ins Gespräch. Zum Beispiel mit Dimitri aus Sofia (ein etwas wirrer Couchsurfer, dem Kiew besser gefallen hat als Odessa, wegen der vielen großen Gebäude und der achtspurigen Straßen). Je klarer wird, dass die Beiden in Galati etwa zur Geisterstunde einreiten werden, desto unangenehmer wird der Gedanke, die Nacht am Busbahnhof einer unbekannten Stadt zu verbringen.

Aber hey! Es kommt eh immer anders: Das Hotel Turist (Lie nennt es für sich “Krassnojarsk”) an dem der Bus die Beiden rausschmeißt hat zwar wohl schon ein paar Jahre geschlossen, aber wieder erweist sich das Weltreiserezept als sehr geeignet: Fragen, Fragen, Fragen. Christen – ein Typ, der vor dem Krassnojarsk mit seinen Kumplen abhängt bringt die Beiden zu einem anderen Hotel. Dieses hat noch ein paar Minussterne mehr als das Krassnojarsk und einen einäugigen Portier, der allen Ernstes keine Euros annehmen will (offenbar macht er sich Sorgen über die Pleite in Griechenland?) aber selbst hierbei hilft Christen. Cooler Typ – kommt uns vielleicht mal besuchen in Wien und verpasst Hazel zum Abschied einen Handkuss. Wow, die Rumänen!

Am nächsten Morgen verschlägts die Beiden dann doch noch beinahe nach Istanbul. Im örtlichen Busbahnhof versteht der bullig aussehende Reiseagent statt “Tulcea” “Turca”. Hazel sind sprachlos über die geforderten 300 Lei (+/- 30 Tacken) für 70 km und versuchen so lange zu Handeln, bis klar wird, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Also rauf auf die Donaufähre, rein in den Microbus und ab nach Tulcea. Dort (nach langem Durchfragen mit Händen und Füßen) den Donaudampfer nach Sfantu Gheorghe bestiegen und zack, das war’s.

Odessa

Odessa

Wie kam es eigentlich dazu, das Liezel nach Odessa reisen wollten? Lie hatte einen Traum – einen sehr wirren – und am nächsten Tag wollte er unbedingt in die Ukraine. Mehr lässt sich leider nicht rekonstruieren. Durch finanzielle und moralische Unterstützung vieler lieber Leute (und der damit verbundenen unerfreulichen Tatsache, dass er im schwäbischen Sinne Weise geworden ist) konnte sich dieser Traum verwirklichen lassen.

Aber genug davon: Odessa ist wunderbar. Liezel hatten sich in aller Ignoranz ein sprichwörtliches Sofia am Meer vorgestellt (ohne Sofia zu kennen), aber weit gefehlt. Zwar ist die Stadt (und das Land) ganz schön anders – man zahlt etwa den Bus nicht beim Einsteigen, sondern beim Aussteigen, aber die prachtvollen Boulevards und gemütlichen Lokale erinnern an Paris. Dazu kommt ein ganz deutlicher maritimer Einschlag, der auch im Wappen der Stadt (ein Anker mit vier Flunkern) seinen Niederschlag gefunden hat. Im Zusammenspiel mit dem von Hazel fachmännisch ausgesuchten – sehr luxuriösen – Hotel fühlen sich die Beiden wie in einem Roman der Belle Epoque (allerdings ohne die Kalamitäten).

Emilia passt auch ganz ins literarische Bild. Adrett gekleidet und mit besten Manieren führt sie die Beiden durch ein Labyrinth aus Muschelkalksteinschächten. Urprünglich als Steinbruch für das erst 1794 gegründe Odessa gegraben, erstrecken sich die Gänge unterhalb der Stadt gut 2000 km. Sie haben in der kurzen Geschichte der Stadt Schmugglern (Odessa war lange Freihafen), Gaunern und zuletzt sowjetischen Partisanen Unterschlupf gewährt. Der Muschelkalk verschluckt schon nach wenigen Metern Licht und Schall. Emilia führt die Beiden nur ein paar Meter weiter ums Eck und die lärmende Besuchergruppe ist nicht mehr zu hören. Als sie dann noch die Taschenlampe ausmacht wird es unangenem… Emilia sagt, dass man hier schon nach zwei Stunden akustische Halluzinationen kriegt. Angeblich soll das an dem Rauschen der vielen Muscheln im Kalk liegen. Lie ist skeptisch, aber die Katakomben haben wirklich Gruselqualität. Zusammen mit den WK 2 Exponaten kommt eine ganz und gar nicht belle epoquehafte Stimmung auf.

Übrigens Geschichte: Odessa wurde keineswegs an der Stelle einer altgriechischen Siedlung gebaut. Das antike Odessos war eine miletische Kolonie in der Nähe des heutigen Warna. Zarin Katharina II hat – sehr feministisch möchte man sagen – bei der Namensfindung für den zukünftigen Militärhafen Neurusslands auf die weibliche Form des Namens bestanden.

Odessa – a Wahnsinn.